Freitagmorgen, der 7.Dezember, es läutet zur dritten Stunde. Die Schüler*innen der Klassenstufen acht und neun haben sich in der Turnhalle eingefunden und warten gespannt. Ein Theaterstück soll es sein: „Jungfrau ohne Paradies“. Doch was ist das? Der von seinem Freund Cem angekündigte Rapper Paul springt auf die Bühne, heizt die Stimmung so richtig an. Ein Live-Gig für die Schüler? Aber Paul kommt aus dem Tritt, beschimpft seinen Freund Cem und beleidigt sogar das Publikum. Er habe „keinen Bock“ mehr auf das alles hier. Die Gesellschaft gebe ihm keine Chance, verhindere seinen Traum, ein berühmter Rapper zu werden und überhaupt, die ganze Welt sei gegen ihn, wäre da nicht seine Freundin Johanna, die alles für ihn tue, und die jetzt auf die Bühne kommt, direkt von ihrer Schultheaterprobe zu Friedrich Schillers „Jungfrau von Orléans. Doch Paul pöbelt weiter, nimmt Anstoß an Johannas kurzem Rock und fordert sie auf, für ihn die Burka anzuziehen. Was hat Paul vor? Wohin geht sein Weg? Zwei Flugtickets in der Tasche. Der „Heilige Krieg“ rufe ihn, nach Syrien, ihn und Johanna. Er habe neue Freunde gefunden, die hätten ihm alles erklärt, den ganzen Islam und dass es nur darum gehe, alle zu töten, die den falschen Glauben hätten. Johanna redet ihrem Freund verzweifelt ins Gewissen, spielt eine Szene aus Schillers „Jungfrau von Orleans“, erkennt für sich, dass Gewalt keine Lösung ist. Auch Cem versucht seinen Freund Paul umzustimmen, Cem, der alles daran setzt, sich in dieser Gesellschaft durchzusetzen, was aus seinem Leben zu machen. Und plötzlich gehen die Fragen ans Publikum! Die Schüler*innen diskutieren mit den Protagonisten, einige werden sogar auf die Bühne gebeten und alle sollen Paul davon überzeugen, die Tickets zu zerreißen und zur Vernunft zu kommen – mit offenem Ausgang! Und unsere Schüler*innen? Sie liefern gute Argumente – eines nach dem anderen. Paul will sie zuerst nicht hören, schließlich aber sackt er in sich zusammen und zerreißt die Tickets. Es gibt Orte, da hat das gleiche Theaterstück ein trauriges Ende gefunden. Nicht so am EG.

Nach dem von unseren Schüler*innen mit kräftigem Applaus gefeierten Stück standen dann nicht nur die drei Schauspieler*innen den Schüler*innen Rede und Antwort, sondern auch Herr Dannwolf, Präventionsbeauftragter der örtlichen Polizei, der ebenso am folgenden Dienstag in den Workshops auf die Fragen der Schüler*innen einging.

In diesen von drei Mitarbeitern des Demokratiezentrums Baden-Württemberg geleiteten Workshops gab es dann die Möglichkeit zur Reflexion. Was ist Heimat? Wie fühlt es sich an, fremd zu sein? Wie kann man damit umgehen? Was lehrt der Islam als Religion, die sich abgrenzt von einer radikal-fundamentalistischen Auslegung des Korans und von dessen Missbrauch durch gewaltbereite Extremisten? Durch Einspielung einiger Szenen aus dem Stück und eine fundierte Erklärung von Grundbegriffen des Islam konnte jedem klar werden, dass der Islam als Religion jede Form der Gewalt gegen Andersgläubige ausschließt.

Unser Dank gilt den Schauspieler*innen und Mitarbeitern des Demokratiezentrums Baden-Württemberg, Herrn Dannwolf und Frau Kasputtis vom Fachbereich Kinder, Jugend und Familie für die Begleitung durch die Stadt Mannheim. Unterstützt wird das Projekt durch den gemeinnützigen Verein Sicheres Mannheim (SIMA).  

Stefan Kunzmann